Die Stadt Taschkent als Ort des Projektes und Gegenstand einer Geschichtswerkstatt wurde deshalb ausgewählt, weil sie im 20. Jahrhundert eine sehr eindrucksvolle Geschichte mit mehreren bedeutenden Momenten in der Stadtentwicklung aufweist. Die deutlich sichtbaren Etappen der Stadtentwicklung bieten sich an, um mit Studenten die Entwicklung von Geschichtsbildern nachzuzeichnen, zu analysieren und zu diskutieren.
Anfang des 20. Jahrhunderts war Taschkent eine alte Stadt an der historischen Seidenstraße und Hauptstadt des russischen Generalgouvernements Turkestan. 1865 von russischen Streitkräften erobert, hatte sich Taschkent seitdem zu einer Doppelstadt entwickelt: Neben der historischen Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und kleinteiligen Familienhöfen entstand eine russische Kolonistensiedlung mit geplantem Grundriß, breiten Straßen und repräsentativen Verwaltungsgebäuden.
Nach der Oktoberrevolution 1917 im fernen Petrograd blieb Taschkent von revolutionären Auseinandersetzungen weitgehend verschont und wurde im Jahre 1918 Hauptstadt der neu gegründeten Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Turkestan. Mit der Aufteilung der ASSR Turkestan 1924 und Gründung der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik verlor Taschkent die Hauptstadtfunktion und übernahm diese erst wieder 1930 von Samarkand.
Die Bedeutung der Stadt änderte sich abrupt, als während des II. Weltkriegs komplette Fabriken und Produktionsanlagen, aber auch Filmstudios und andere kriegswichtige Einrichtungen in das sichere Hinterland der Sowjetunion verlegt wurden, welches aufgrund der enormen räumlichen Entfernungen zu allen Fronten nicht von gegnerischen Kampfverbänden erreicht werden konnte. Zusammen mit diesem Industrialisierungsschub kamen in den 1940er Jahren hundertausende Kriegsflüchtlinge und -vertriebene nach Taschkent, welche durch ihre Arbeit und ihr Leben in der Stadt den Charakter Taschkents umfassend veränderten.
Nach einem schweren Erdbeben 1966 wurde Taschkent nach bereits vorher erarbeiteten Plänen wieder aufgebaut. Der Wiederaufbau der Stadt folgte jedoch keinem Konzept der Rekonstruktion des Verlorenen, sondern hatte den Aufbau einer neuen, einer sowjetischen Musterstadt zum Ziel. An die Stelle bisher vorherrschender 1-2 geschossiger Lehmsteinbauten traten mehrgeschossige Wohnblöcke. Schmale, verwinkelte Altstadtgassen wurden durch mehrspurige Schnellstraßen ersetzt. Zum Zwecke des Wiederaufbaus kamen zehntausende Facharbeiter aus allen Unionsrepubliken nach Taschkent bzw. wurden nach Taschkent entsandt. Dieser Zustrom — zumeist europäischstämmiger — Spezialisten ließ die Einwohnerzahl Taschkents erneut stark wachsen, da ein großer Teil der Neu-Taschkenter auch nach Abschluß der Aufbaumaßnahmen in der Stadt blieb und sich in dieser dauerhaft einrichtete. Hierdurch erfuhr Taschkent erneut einen starken Schub an ethnischer, kultureller und religiöser Durchmischung.
Durch die Industrieverlagerungen während des II. Weltkrieges und den Wiederaufbau nach dem schweren Erdbeben wuchs die Stadt in nur wenigen Jahrzehnten von einer regional bedeutsamen Stadt zur viertgrößten Metropole in der Sowjetunion heran. Ihre zum Zeitpunkt der russischen Expansionsfeldzüge ethnisch weitgehend homogene Bevölkerung durchmischte sich in weniger als einem Jahrhundert mit hunderttausenden Zuwanderern aus allen Teilen des russischen Reiches und der Sowjetunion. Waren Anfang des 20. Jahrunderts die russischsprachigen Einwohner der Stadt eine kleine Minderheit, so hatte sich dieses Verhältnis zum Ende der Sowjetunion in das Gegenteil verkehrt. In der Hauptstadt der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik sprachen in den 1980er Jahren mehr Menschen Russisch als die Sprache der Titularnation.
Trotz dieser Dominanz der russischen Sprache sollte Taschkent jedoch nicht als russische Stadt gesehen werden. Bei allen Umbauten, Erweiterungen und Umwidmungen öffentlicher Räume zur Zeit der Sowjetunion behielt Taschkent immer einen deutlich erkennbaren zentralasiatischen Charakter. Öffentliche Gebäude und Wohnhäuser wiesen trotz standardisierter Grundtypen viele regionalspezifische Zier- und Schmuckelemente auf und unterschieden sich auf diese Weise gravierend von gleichzeitig errichteten Großbauten des selben Typs in anderen sowjetischen Metropolen wie Kiew, Minsk oder Alma-Ata.
Mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurde Taschkent Hauptstadt eines unabhängigen Staates — der Republik Usbekistan. Seitdem hat sich ihr Aussehen erneut gewandelt. Straßen und Plätze verloren die Namen sowjetischer Helden und Theoretiker des Sozialismus und bekamen regional spezifische Bezeichnungen, Namen usbekischer Nationalhelden oder Namen bedeutsamer Orte usbekischer Geschichte und Kultur. Gleichzeitig wurden neue Repräsentations- und Funktionsgebäude des Staates errichtet, umgebaut und saniert. Hierbei wurden Kennzeichen sowjetischer Architektur durch Stilelemente usbekischer Kultur und Symbole nationalstaatlicher Unabhängigkeit ersetzt. Fassaden sowjetischer Zweck-Architektur wichen repräsentativen Dekorationsfassaden, Straßenführungen wurden neu gestaltet und Verkehrsströme in neue Bahnen gelenkt.
© Copyright 2006 — 2007 Geschichtswerkstatt Taschkent
Ein Projekt von
Wilko Schroth,
Götz Burggraf und
Torsten Lorenz
in Zusammenarbeit mit der
Professur
für Geschichte Osteuropas an der
Europa-Universität
Viadrina Frankfurt (Oder).
Datei erstellt am: 01.12.2006 10:01 von: Adam
Twardoch
Letzte Änderung am:
04.10.2007 18:04
von: Götz Burggraf
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